Firmenbefragung 2025
Gute Noten im Durchschnitt – aber Alarm für das Gewerbe
Die neue Firmenbefragung der Stadt Zürich attestiert dem Standort eine „hohe Gesamtzufriedenheit“. Aus Sicht des Gewerbeverbands der Stadt Zürich zeichnet der Bericht jedoch ein klares Warnbild: Für Bau, Handwerk, Produktion und detailhandelsnahes Gewerbe verschlechtern sich die Rahmenbedingungen bei Flächen, Verkehr und Regulierung deutlich.
Die sechste Firmenbefragung der Stadt Zürich basiert auf den Antworten von 1'499 Unternehmen und Selbständigerwerbenden. Der Durchschnittswert der Gesamtzufriedenheit liegt mit 4,65 auf der Sechser-Skala im mittleren und sicher nicht im hohen Bereich. Gleichzeitig erwartet ein Drittel der Firmen, dass die Attraktivität des Standorts in den kommenden Jahren abnimmt – so viele wie noch nie seit Beginn der Befragungen.
«Für Büros und viele Dienstleistungsbranchen, vor allem für den hohen Anteil an Arztpraxen und Medizinaldienstleister mag Zürich weiterhin sehr attraktiv sein», sagt die Präsidentin des Gewerbeverbands Zürich. «Für Bau, Handwerk, Produktion und Gewerbe ist das Bild deutlich trüber. Der Durchschnitt verdeckt, dass ausgerechnet jene Betriebe, die die Stadt physisch am Laufen halten, zunehmend an Grenzen stossen.»
Produzierende Betriebe schlagen Alarm
Besonders deutlich zeigt sich dies bei den produzierenden Betrieben. 16 Prozent der Firmen ordnen sich in diese Kategorie ein. Ihre Beurteilung der Rahmenbedingungen verschlechtert sich massiv:
- Der Mittelwert sinkt von 3,49 (2021) auf 3,17 (2025).
- Der Anteil unzufriedener Unternehmen (Noten 1–2) steigt von 22 auf 28 Prozent.
- Der Anteil zufriedener Betriebe (Noten 5–6) halbiert sich von 22 auf 12 Prozent.
Als Gründe nennen die produzierenden Firmen explizit hohe Mietkosten und fehlende Räume, regulatorische und administrative Hürden sowie Verkehr und Erreichbarkeit.
Verkehr: ÖV top, Gewerbe am Anschlag
Die Befragung bestätigt, dass der öffentliche Verkehr hervorragend bewertet wird: VBZ, S‑Bahn und nationale Bahnverbindungen liegen mit Mittelwerten über 5,2 klar im grünen Bereich. Auch die Veloinfrastruktur hat sich auf 4,07 verbessert, ist aber nur für weniger als die Hälfte der Firmen überhaupt wichtig.
Aus gewerblicher Sicht entscheidend sind jedoch andere Kennzahlen:
- Möglichkeiten für den Güterumschlag werden nur mit 3,18 bewertet.
- Der Verkehrsfluss in der Stadt erhält 2,88.
- Die Parkierungsmöglichkeiten für Kundschaft und Mitarbeitende liegen bei 2,60
- Die Parkierung in der Innenstadt erreicht gar nur 2,30 – einen der tiefsten Werte der gesamten Befragung.
«Wer liefern, montieren, reparieren oder Kundschaft im Quartier empfangen will, kann mit diesen Rahmenbedingungen kaum planen», hält der Gewerbeverband fest. «Die Stadt feiert sich zurecht für ihren starken ÖV, blendet aber aus, dass der gewerbliche Verkehr systematisch an den Rand gedrängt wird.»
Immobilien: Schwäche Nummer eins
In der offenen Frage nach Schwächen des Standorts nennen die Firmen neu «Immobilien» am häufigsten (30 Prozent), noch vor Verkehr (23 Prozent) und dem generellen Preisniveau (22 Prozent).
Die Detailauswertung zeigt:
- Die Mietkosten für Büro‑, Produktions- und Ladenflächen werden durchgehend mit unter 3 bewertet.
- Die Verfügbarkeit von Büroflächen verschlechtert sich von 4,12 auf 3,75, Ladenflächen sinken von 3,48 auf 3,21; Produktionsflächen bleiben mit 3,47 tief.
Trotzdem planen 79 Prozent der Firmen keine Standortveränderung. «Das ist kein Zeichen von Zufriedenheit, sondern Ausdruck fehlender Alternativen», kommentiert der Gewerbeverband. «Gewerbetaugliche Flächen mit Anlieferung, Lager und Werkstatt sind Mangelware.»
Verwaltung und Mitsprache: Mittelmass genügt nicht
Die meisten Verwaltungsstellen erhalten mittlere bis gute Noten. Auffällig ist jedoch, dass ausgerechnet das Amt für Baubewilligungen (3,5), das Amt für Städtebau (3,8) und das Tiefbauamt (3,9) wie auch die städtische Wirtschaftsförderung deutlich unter dem Schnitt liegen – vier Schlüsselstellen für das Baugewerbe und viele KMU.
Besonders kritisch fällt das Urteil zur Mitsprache aus:
- Nur 16 Prozent der Firmen sind zufrieden mit den Möglichkeiten, sich bei Veränderungen im Umfeld ihres Standorts und bei wirtschaftspolitischen Themen einzubringen.
- Der Mittelwert der Zufriedenheit liegt bei 3,5; 17 Prozent sind klar unzufrieden.
- In den offenen Rückmeldungen wird am häufigsten ein Mangel an Dialog-, Einfluss- oder Partizipationsmöglichkeiten genannt.
«Die Stadt verfügt über eine ausgeprägte Mitwirkungs- und Workshop-Kultur. Aber für viele Betriebe ist das zu wenig verbindlich», so der Gewerbeverband. «Entscheidend ist, ob gewerbliche Anliegen früh in die Planung einfliessen und bei Verkehr, Flächen und Bewilligungen spürbar Gewicht haben.»
Forderungen des Gewerbeverbands Zürich
Aus der Sicht des Gewerbes ergeben sich aus der Firmenbefragung klare Handlungsaufträge:
- Gewerbegerechte Verkehrspolitik
- Sicherstellung von Güterumschlagplätzen.
- Bessere Parkierungsmöglichkeiten für Kundschaft und Gewerbetreibende, insbesondere in der Innenstadt.
- Baustellenplanung mit verbindlichen Standards zugunsten Erreichbarkeit und Planungssicherheit.
- Flächen für Gewerbe sichern
- Erhalt und Entwicklung bezahlbarer, gewerbetauglicher Flächen (Produktion, Lager, Werkstätten, Läden).
- Keine weitere schleichende Verdrängung von Gewerbe zugunsten reiner Wohn- oder Büroprojekte.
- Bewilligungen beschleunigen
- Spürbare Verbesserung bei Baubewilligungen und städtebaulichen Verfahren.
- Mehr Dienstleistungsverständnis gegenüber KMU, klare Fristen und transparente Vorgaben.
- Verbindliche Gewerbefolgenabschätzungen
- Bei grossen Projekten (Verkehr, Stadtentwicklung, Nutzungskonzepte) systematische Prüfung der Auswirkungen auf Gewerbe und Bau.
- Frühzeitige Einbindung der Verbände über informelle Workshops hinaus.
Schlussfolgerung des Gewerbeverbands der Stadt Zürich
«Die Firmenbefragung ist ein wichtiges Instrument – sofern ihre Signale ernst genommen werden», hält die Präsidentin fest. «Unsere Botschaft an die Stadt ist klar: Wer die Zukunft des Standorts sichern will, muss nicht nur auf die Zufriedenheit von Banken, Beratungen und Kreativbranchen schauen. Ohne starke KMU, ohne Bau, Handwerk, Logistik und detailhandelsnahes Gewerbe gibt es in Zürich keine Versorgungssicherheit, keine Lehrstellen und keine lebendigen Quartiere.»
